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Berufsbildung — Es ist nie zu spät

Rund 13 Prozent aller Lehrabschlüsse im Kanton Bern fallen auf Erwachsene über 25 Jahre. Interessierte Personen können sich dazu bei der Fachstelle Berufsabschluss für Erwachsene der BIZ beraten lassen. Ein Gespräch über Herausforderungen und Erfolgsgeschichten mit Leiterin Evelyn Tsandev.

Für Evelyn Tsandev (links) und Susana Martins Ribeiro sind Berufsabschlüsse für Erwachsene eine Erfolgsgeschichte.

Dass Lehrabschlüsse bis heute fast ausschliesslich mit Jugendlichen in Verbindung gebracht werden, sei in ihrem Arbeitsalltag eine verbreitete Fehlannahme, sagt Evelyn Tsandev gleich zu Beginn des Gesprächs. «Es gibt sogar mehrere Wege zu einem Berufsabschluss jenseits der Jugendjahre: über eine direkte Zulassung zur Abschlussprüfung, via Validierungsverfahren oder im Rahmen einer verkürzten oder regulären Lehre», erklärt die Leiterin der Fachstelle Berufsabschluss für Erwachsene. «Bei uns gleicht kein Arbeitstag dem anderen, unsere Aufgaben und die Kundschaft sind gleichermassen heterogen. Wir informieren, beraten, begleiten, führen Gespräche an verschiedenen BIZ-Standorten, organisieren Veranstaltungen und geben Auskünfte via Telefon oder E-Mail.»

Kompetenzen sichtbar machen

Das Validierungsverfahren richtet sich an Menschen, die in ihrem jeweiligen Gebiet vielfältige Erfahrungen und Kompetenzen, aber keinen offiziellen Abschluss haben. «Diese Menschen haben unterschiedlichste Hintergründe», so Evelyn Tsandev. «Das können zum Beispiel Zugezogene sein, deren Abschluss hier nicht anerkannt ist, aber auch Menschen, die irgendwann irgendwo quer eingestiegen sind und sich über die Jahre einen Leistungsausweis erarbeitet haben. Oder solche, die gar nie einen Abschluss gemacht und trotzdem in einem Berufsfeld Fuss gefasst haben. Über den Nachweis der erworbenen Kompetenzen können sie zu einem EFZ gelangen.»

Beim Sichtbarmachen des Erfahrungsschatzes unterstützt sie die Fachstelle. Wie sind die Aufträge zu verstehen, wie können Erfahrungsberichte strukturiert werden, wie lassen sich welche Kompetenzen und Erfahrungen festhalten und nachweisen? – Diese und weitere Fragen werden in der Seminargruppe behandelt. Das Validierungsverfahren gibt es nur in wenigen Berufen. Ob diese Möglichkeit besteht, entscheiden die jeweiligen Berufsverbände.

«Gibt es sie, stehen wir den Kundinnen und Kunden als Prozessbegleitende zur Seite.» Ein Vorhaben, das mitunter ein bis zwei Jahre dauere, so die Erfahrung. «Es braucht also in jedem Fall Durchhaltevermögen.»

Gut geplant, ist halb gewonnen

Geht der Weg über die Lehrabschlussprüfung, nennt Evelyn Tsandev eine gute Vorbereitung das A und O, aus mehreren Gründen: «Zum einen ist es wichtig, sich vorgängig gut über die Voraussetzungen und Möglichkeiten zu informieren. Zum anderen empfiehlt es sich, das Vorhaben und etwaige Hürden konsequent durchzudenken.» Als Beispiel nennt sie die Schul.tage. «Die tatsächliche Schulpräsenz ist das eine, Vor- und Nachbereitung sowie Prüfungen sind das andere. Das gilt es im Zeitbudget entsprechend zu berücksichtigen.»

Aus dem gleichen Grund empfiehlt Tsandev in ihren Beratungen je nach Lebenssituation, den Weg zum Berufsabschluss auf mehrere Jahre zu verteilen und Schritt für Schritt anzugehen. «Während Jugendliche sich meist ganz auf ihre Ausbildung konzentrieren können, müssen unsere Kundinnen und Kunden Er-werbsarbeit, familiäre Verantwortung und Sorgearbeit miteinander vereinbaren. Eine Familie muss diese Pläne mittragen.» Sie stellt darum immer die Frage: Was sind mögliche Hürden und Hindernisse? Und: Wie lassen sie sich umschiffen?

Eine, die ebendiese Fragen zusammen mir Evelyn Tsandev beantwortet hat, ist Susana Martins Ribeiro, die im Juni 2025 im Alter von 48 Jahren ihre Ausbildung zur Fachfrau Hauswirtschaft EFZ abgeschlossen hat und von sich selbst sagt: «Ich bin das beste Beispiel dafür, dass es nie zu spät ist und auch Erwachsenen noch viele Türen offenstehen.» Mut brauche es jede Menge, da will sie nichts schönreden, aber: «Es lohnt sich, sich von der Angst nicht blockieren zu lassen und mutig den ersten Schritt zu tun.» Für die gebürtige Portugiesin lag dieser erste Schritt darin, sich ans BIZ zu wenden und einen Beratungstermin abzumachen.

Hart erarbeitete Erfolgsgeschichte

Den Ausschlag hatte ihr ehemaliger Chef gegeben mit der Frage, warum sie ihre langjährige Hauswirtschaftserfahrung nicht mit einem Abschluss offiziell unterstreiche. «Ab da war die Idee in meinem Kopf. Ich hatte schon früher mit dem Gedanken gespielt, aber den richtigen Moment verpasst. Zuerst hat mein Mann seinen Abschluss als Koch nachgeholt, dann haben wir unsere Tochter bekommen. So kam immer wieder etwas dazwischen. Bis dann klar war: Jetzt ist meine Zeit.»

Dass sie dabei auf Evelyn Tsandevs Expertise und Unterstützung zählen konnte, nennt sie neben dem privaten und beruflichen Umfeld als einen der Schlüssel zum Erfolg. Während der Ausbildungsphase, insbesondere in den Übergängen zur nächsten Ausbildungsetappe, sind immer wieder Fragen oder Unklarheiten aufgetaucht. Mit etwas Unterstützung konnten diese geklärt und gute Lösungen gefunden werden. «Zwischen meinem Vorbereitungskurs Grundkompetenzen und dem Allgemeinbildenden Unterricht für Erwachsene (ABU-E) an der BFF in Bern zum Beispiel war nur dank ihrem beherzten Einstehen nicht gleich wieder Feierabend.» Das Problem: In der Zeit zwischen Susana Martins Ribeiros Anmeldung für ABU-E und dem tatsächlichen Schulstart hatten sich die Vorgaben bezüglich Sprachnachweis geändert. Weil Tsandev intervenierte, wurde ihre Klientin trotzdem zugelassen. «Auch darum lohnt es sich, sich als Erwachsene für den Weg zum Berufsabschluss an die Profis vom BIZ zu wenden», ist Martins Ribeiros überzeugt.

Nach den zwei vorbereitenden Jahren ging es für sie an der Berufsfachschule mit dem Berufskunde-Unterricht weiter, als Erwachsene direkt im 2. Lehrjahr. Das sei sehr herausfordernd gewesen, weil sie sich gleichzeitig mit dem Stoff vom ersten Lehrjahr habe vertraut machen müssen, erinnert sie sich. «Ich war froh, dass ich die Allgemeinbildung bereits vorgängig abgeschlossen hatte.» Eine grosse Unterstützung seien auch die jugendlichen Mitlernenden gewesen. «Zuerst dachte ich, um Himmelswillen, in meinem Alter noch einmal in die Schule und dann noch zusammen mit Jugendlichen, die im Alter meiner Tochter sind. Aber sie haben mich mit offenen Armen empfangen.»

Appell an die Betriebe

Ans Aufgeben hat Susana Martins Ribeiro trotz aller Unterstützung immer wieder gedacht. «Hier war meine Familie entscheidend. Wann immer ich nach Hause kam und sagte, ich kann nicht mehr, ich höre auf, bauten mich mein Mann und meine Tochter wieder auf, redeten mir gut zu. Gleiches gilt für meine Arbeitskolleginnen. Auch sie haben mich immer wieder in meinem Vorhaben bestärkt. Einmal hat eine Kollegin gesagt: ‹Jetzt bist du ins Wasser gesprungen, jetzt musst du schwimmen.› Die.ses Bild hatte ich danach immer im Hinterkopf.» Für Evelyn Tsandev steht Susana Martins Ribeiros Erfolgsgeschichte exemplarisch für alles, was ein Berufsabschluss für Erwachsene von ihren Kundinnen und Kunden verlangt: «Sie hat sich sehr gut vorbereitet, einen Schritt nach dem anderen gemacht, ihre Familie und Arbeitskolleginnen mit ins Boot geholt und extrem viel Mut, Einsatz und Durchhaltewille gezeigt.» Dass es ein ehemaliger Vorgesetzter war, der den Stein ins Rollen gebracht hatte, nimmt Tsandevs Zukunftswunsch perfekt auf: «In den Betrieben läge so viel Potenzial. Die kennen ihre Leute, wissen um ihre Fähigkeiten. Jetzt müssten sie sie nur noch ermutigen und dürfen sie gerne an uns verweisen.»

Weitere Informationen

Mehr zum Berufsabschluss für Erwachsene sowie ein Erklärvideo finden Interessierte hier:

Opportunités de formation professionnelle, aussi pour les adultes 

Toute personne adulte souhaitant obtenir un diplôme de formation professionnelle a plusieurs options devant elle. Si elle a diverses compétences et expériences dans un domaine, elle peut les faire reconnaître et ainsi accéder au certificat fédéral de capacité (CFC), pour autant que la procédure de validation des acquis existe dans le métier concerné. Une autre option est de passer un examen de fin d’apprentissage, selon le niveau des compétences de base, des cours (de langue) préparatoires et des cours de culture générale pour adultes qui ont été suivis.

Susana Martins Ribeiro a choisi cette seconde voie et, à 48 ans, a terminé son CFC de gestionnaire en hôtellerie-intendance en juin 2025. Elle conseille aux autres personnes concernées de ne pas se laisser bloquer par leurs peurs et de prendre leur courage à deux mains pour franchir le pas. «Il n’est jamais trop tard, j’en suis le meilleur exemple ! Il existe aussi pour les adultes beaucoup d’opportunités pour faire une formation professionnelle. »

Karin Hänzi

Fotos: Michael Meier

EDUCATION 1.26

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