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«Es geht darum, mutig zu sein»

Eine Flut an Informationen prägt heute die Wahrnehmung der jungen Menschen. Die Vielzahl der Eindrücke zu deuten, ist nicht immer einfach. Michael Füllemann ist Angebotsverantwortlicher für Medien und Informatik am Institut für Weiterbildung und Dienstleistungen der PHBern. Mit uns spricht er im Experteninterview darüber, wie es in Zeiten rasanter digitaler Informationen trotzdem möglich ist, sich eine fundierte Meinung zu bilden.

Herr Füllemann, unser Dossier trägt den Titel «Bilder im Kopf». Was verbinden Sie spontan mit diesem Gedanken?
Ich assoziiere diesen Gedanken mit dem Umstand, dass wir, ob wir wollen oder nicht, zu allen Erfahrungen, die wir machen, ganz eigene Bilder und Vorstellungen entwickeln. Das sind sehr persönliche Bilder, die uns oftmals ein ganzes Leben lang begleiten. Wir speichern Geschichten, Ereignisse, Fantasien, Träume – zurück bis zu den frühesten Kindheitserinnerungen. Meine Bilder im Kopf sind meist an persönliche, positive Erinnerungen geknüpft.

Jugendliche sind heute ständig von Informationen umgeben. Was bleibt davon im Kopf – Wissen? Oder eher Bilder und Fragmente? 
Die Art und Weise, wie Jugendliche digitale Medien – insbesondere Social Media – nutzen, ist sehr schnelllebig, ungefiltert und oftmals überfordernd. Informationen dringen permanent auf uns ein, meist ohne direkten, persönlichen Bezug. Es liegt auf der Hand, dass diese Form der Mediennutzung ein fragmentarisches und oberflächliches Speichern von Eindrücken und flüchtigen Bildern erzeugt. Das ändert sich, sobald wir gegenüber einem Inhalt persönliches Interesse entwickeln.

Wann wird aus einer Information eine Meinung, und was braucht es, damit dieser Übergang gelingt?
Im Wissen darum, dass sich Jugendliche vorwiegend via Social Media informieren, sind digitale Medien eine wichtige Quelle für die Meinungsbildung von jungen Menschen. Durch blossen Informationskonsum bilden sich aber nur sehr oberflächlich Meinungen. Erst durch deren Verarbeitung – der Bewertung von Inhalten, dem Austausch mit Mitmenschen, dem Einbezug von Werten und Normen oder einer ganz persönlichen Auseinandersetzung mit einem Thema – formen sich tiefgründige Meinungen. Bei der Meinungsbildung ist entscheidend, dass junge Menschen Interesse mitbringen oder entwickeln; Interesse an der Welt, am Leben, an Menschen und Geschichten. Dies geschieht auch durch die Orientierung an unseren Mitmenschen: der eigenen Familie, an Freunden oder Peer-Groups.

Welche Rolle spielen Geschichten und Narrative in der Meinungsbildung junger Menschen?
Die Orientierung an Vorbildern, Referenzpersonen oder Geschichten haben einen grossen Einfluss auf unsere Meinungsbildung. In Zeiten, in denen die Welt scheinbar kopfsteht, sind positive, konstruktive Informationen sehr wichtig.
Jugendlichen dürstet es nach Narrativen, an denen sie sich orientieren können. Sie bieten einfache Erklärungen in einer digitalen, schnelllebigen Informationsgesellschaft. Geschichten sind meist mit Emotionen verbunden, die im positiven Sinn zur Meinungsbildung beitragen – aber auch im negativen Sinn eingesetzt werden können, um Jugendliche zu steuern und gezielt in eine inhaltliche Richtung zu lenken.

Was kann die Schule leisten, was digitale Medien allein nicht leisten können, wenn es um Orientierung und Urteilskraft geht?
Die Schule übernimmt eine wichtige Aufgabe, wenn es um die Meinungsbildung geht. Digitale Medien transportieren grosse Mengen an Informationen: darunter qualitativ hochstehende, aber auch gute, irrelevante oder schlicht falsche Informationen. Der Umgang damit muss angeleitet werden, um überhaupt so etwas wie eine Informationskompetenz aufbauen zu können. Der Umgang mit Quellen beispielsweise, das Überprüfen und Gegenchecken von Informationen, die Funktionsweise und das Erkennen von Fake News und Echokammern oder der Aufbau eines grundlegenden Verständnisses davon, wie KI- Sprachmodelle Informationen ausspucken. Das alles gilt es im Unterricht zu behandeln und zu stärken, zugunsten eines kompetenten Umgangs mit Medien, insbesondere digitalen.

Wichtig scheinen mir der Austausch, das Gespräch, das gemeinsame Erleben und Besprechen von konkreten Beispielen. Diskussionen über Themen mit starkem Alltagsbezug, aber auch Pro-und-Kontra-Gespräche stärken das Bewusstsein für die Existenz ganz unterschiedlicher Meinungen und Sichtweisen. Die Schule bietet diesbezüglich ein Übungsfeld, in dem auch den Lehrpersonen eine wichtige Aufgabe zukommt. Gerade wenn es um Beziehungsarbeit, um eine Vorbildfunktion oder um gelebte respektive vorgelebte Empathie geht.

Wie so oft ist die Schule als Begleiterin unterwegs, sie zeigt auf und unterstützt. Digitale Medien bieten eine breite Palette an Werkzeugen, die uns Informationen liefern. Die ebenso wichtige Aufgabe, junge Menschen in ihrer Meinungsbildung und ihrer Urteilskraft zu stärken, übernehmen die digitalen Medien allerdings nicht.

Wie können Lehrpersonen Jugendliche unterstützen, zwischen fremden Erzählungen und eigenen Deutungen zu unterscheiden?
Menschen wissen vieles lediglich vom Hörensagen, gehen Algorithmen auf den Leim oder finden sich in inhaltlich limitierten Filterbubbles wieder. Problematisch wird es dann, wenn das als einzige Grundlage für die persönliche Meinungsbildung dient. Lehrpersonen sollen Jugendliche anleiten, unterstützen und motivieren, mutig zu sein, sich die Meinung zu einem Thema aktiv zu bilden und nicht bloss mit gesenktem Kopf durch den Alltag zu schlendern und unreflektiert andere Meinungen zu übernehmen. Es geht darum, mutig zu sein und Interesse am Leben zu haben.

Wenn Jugendliche die Schule verlassen: Welche Fähigkeit im Umgang mit Medien und Meinungen ist aus Ihrer Sicht entscheidend?
Die Jugendlichen sollen lernen, digitale Medien und deren Nutzung ganzheitlich zu erleben, zu verstehen und zu nutzen. Grundlage dazu bilden die Kompetenzbereiche Informatik, Medien und Anwendungskompetenzen. Dabei lernen die Jugendlichen, digitale Medien zu verstehen, um so auch deren Inhalte besser einordnen zu können. Die Auseinandersetzung mit diesen Kompetenzbereichen schärft die Fähigkeit, Medien in verschiedenen Kontexten zu nutzen: interessiert, aber wachsam. Darin sehe ich das Fundament, um auch in Zeiten digitaler Medien fundierte Meinungen bilden und im zunehmend digitalisierten Leben und Arbeitsalltag bestehen zu können.

Michael Füllemann (49)

hat nach der Ausbildung zum Primarlehrer und einem Nachdiplomstudium für den Unterricht an Realklassen an der PHBern ein CAS in ICT- Kultur an Schulen sowie ein weiteres CAS zu digitalen Medien im Unterricht absolviert. Heute arbeitet er als Dozent und als Angebotsverantwortlicher für Medien und Informatik am Institut für Weiterbildung und Dienstleistungen der PHBern. Dabei ist er für Planung und Umsetzung der Angebotsportfolios «Medien und Informatik in der Weiterbildung» zuständig.

Lukas Tschopp  

Foto: Sam Bosshard

 

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