Theater lässt Erzählungen körperlich werden und macht erfahrbar, wie Geschichten entstehen. Innere Bilder werden zum Bühnenstück, mit dem sich die Schülerinnen und Schüler identifizieren können. Das Engagement in einer Schultheatergruppe ist vielschichtig, zeitintensiv und vermittelt wichtige Kompetenzen. Ein Gespräch mit Matthias Rüttimann, Fachlehrer Theater an den Gymnasien Biel-Seeland und Interlaken/Gstaad.
Matthias Rüttimann, als Theaterpädagoge leiten Sie an Gymnasien die Theatergruppen. Ist Theater ein Pflichtfach?
Nein, ich habe einen «Schoggijob», in meinem Unterricht sind alle freiwillig (lacht). Die Gruppen setzen sich aus Schülerinnen und Schülern aller Stufen zusammen. Ein Einstieg ist jedes Jahr möglich. Es gibt solche, die vier Jahre Theater spielen, andere realisieren erst im letzten Schuljahr, welche Chance sie damit haben.
Wenn eine Gruppe steht: Wie wählen Sie ein passendes Stück aus?
In einer ersten Phase lernt sich die Gruppe kennen. Wir probieren Verschiedenes aus, um herauszufinden, was die Gruppe beschäftigt. Je nachdem passt besser ein klassisches Stück oder ein neuzeitliches.
Manchmal kreieren wir ein eigenes Stück nach einem Roman oder Thema. Liebe, Mobbing, Coming of Age, Transformation, Dada – die Themen wechseln immer. Da es in den Gruppen tendenziell mehr Frauen hat, sind mir Stücke mit starken Frauenrollen wichtig. Frauen sollen starke Hauptrollen als Frauen spielen können und nicht einfach Männerrollen, wie sie in klassischen Stücken dominieren.
Und dann, wird fleissig Text auswendig gelernt?
Zuerst geht es darum, herauszufinden, wovon ein Stück handelt. Aktuell proben wir «Hamlet # Ophelia» am Gymnasium Biel-Seeland: Das Wunderbare an Shakespeare ist, dass alle Szenen Situationen anbieten, die man nachempfinden kann. Hamlets Vater stirbt, er gerät in eine Patchwork-Familie, und der neue Stiefvater ist ausgerechnet der unsympathische Onkel. Als Erstes improvisieren die Schülerinnen und Schüler solche Szenen, um der Geschichte, den Konflikten und den Figuren näherzukommen.
Also sie interpretieren den Stoff frei, in eigener Sprache?
Genau, und wir halten die Improvisationen mit Video fest, um auf Dialoge und Ideen der Schülerinnen und Schüler zurückgreifen zu können, um Szenen zu analysieren oder Dialoge für die Bühnenfassung zu übernehmen. Bei «Hamlet # Ophelia» ist wenig Originaltext geblieben, dafür ist umso mehr Jugendsprache eingeflossen. Wir versuchen, auf die Schülerinnen und Schüler einzugehen und ihre Talente zu fördern. Daher gibt es in allen Stücken Tanzeinlagen, Musik und Gesang. Einmal hatte ich eine Schülerin, die Akrobatik konnte. Also bauten wir akrobatische Elemente ins Stück ein.
Sie haben Video erwähnt: Ganz analog ist die Theatergruppe also nicht unterwegs?
Wir dokumentieren die Aufführungen nicht nur, sondern setzen das Medium Video – wenn es passt – auch auf der Bühne ein.

Letztes Jahr haben wir bei «Matrix Alice» Kurzfilme der Mitspielenden ins Stück eingebaut. Aber die wichtigsten Erfahrungen finden im Hier und Jetzt statt: Indem die Schülerinnen und Schüler ganz in eine Rolle eintauchen, körperlich und geistig, übernimmt der Charakter irgendwann ein Eigenleben. Das zu erleben, ist für die Spielenden fantastisch und hat Suchtpotenzial!
Ihre Arbeit ist es dann, alle Puzzleteile aus der Improvisationsphase zu einem schlüssigen Bühnenstück zusammenzufügen.
Ja, wobei dahinter enorme Teamarbeit steckt. Für Choreografie, Stimmbildung, Bühnenbild und Kostüme arbeite ich seit Jahren mit professionellen Bühnenschaffenden zusammen. Ein Stück entsteht parallel auf allen Ebenen zugleich. Zusammen mit der Gruppe fügen wir das allmählich zusammen. Das braucht manchmal Nerven, etwa, wenn das endgültige Szenario erst wenige Wochen vor der Premiere fertig wird.
Und diese kurze Zeit reicht der Gruppe zum Proben?
Durch das viele Improvisieren sind die Spielenden von Themen, Figuren und Texten durchdrungen. Es ist alles da. Wir können dann sehr rasch arbeiten. Insbesondere auch, weil Gymnasiastinnen und Gymnasiasten sehr schnell im Lernen sind.
Wer entscheidet über die Rollenverteilung?
Die Spielenden wählen die Rollen. Es kommt vor, dass mehrere dieselbe Rolle wollen, dann schauen wir, wie wir damit umgehen. Das gibt dem Stück eine Richtung. Bei «Hamlet # Ophelia» wollten viele Hamlet spielen, auch Frauen. Also haben wir jetzt viele Hamlets und auch mehrere Ophelias.
Das klingt nach einem komplexen Arbeitsprozess. Ist das schon einmal schiefgelaufen?
Nein, in all den Jahren ist immer ein Stück entstanden. Vielleicht kann es gar nicht schiefgehen, weil ein ganzes Team die Arbeit mitträgt.
Wie gross ist der zeitliche Aufwand für die Theatergruppe?
Die Theatergruppe trifft sich für zwei Lektionen pro Woche. Dazu kommen Wochenendproben, eine Intensivwoche und die Aufführungen. Der Aufwand ist nicht zu unterschätzen. Oft haben wir Anfang Schuljahr mehr Teilnehmende. Dann merken einige, dass es ihnen zu viel wird. Wer bleibt, hat die einzigartige Möglichkeit, nebst dem Spiel Einblick in alle Bereiche des Theaters zu erhalten.
Sie inszenieren seit 1999 als Theaterpädagoge. Wie hat sich das Interesse an der Theatergruppe bei den Schülerinnen und Schülern über die Jahre verändert?
Der Lehrplan ist anspruchsvoller geworden, es gibt generell mehr Angebote, und Theater ist ein Fakultativfach. Über die Jahre hat die Zahl der Teilnehmenden tendenziell abgenommen. Die Leidenschaft für das Theaterspiel bei denen, die mitmachen, jedoch keineswegs.
Wenn Sie mit Ehemaligen sprechen: Welche Kompetenzen nehmen sie aus der Theatergruppe mit?
Sicher die Auftrittskompetenz. Ich höre oft, dass die Schülerinnen und Schüler überhaupt nicht nervös sind, wenn sie zum Beispiel ihre Maturaarbeit präsentieren. Egal, ob jemand später auf der Bühne steht oder sich in der Arbeitswelt behauptet, Theatermenschen sind hervorragende Teamworker, können vor Leute hinstehen und wissen, wie sie sich Gehör und Aufmerksamkeit verschaffen.
Matthias Rüttimann (62)
studierte Philosophie und Germanistik, bevor er sich zum Theaterpädagogen weiterbildete. Seit 1999 arbeitet er an Berner Gymnasien und hat mit Schülerinnen und Schülern über 30 Bühnenstücke kreiert. Aktuell leitet er die Theatergruppen der Gymnasien Biel- Seeland und Interlaken/Gstaad.
Stefanie Christ
Foto: Anika Rieben
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