Les êtres humains appréhendent le monde grâce aux histoires. Images, expériences et souvenirs sont connectés pour former une interprétation. C’est pourquoi la formation ne signifie pas seulement transmettre des informations, mais également former du sens.
Les histoires permettent de mettre de l’ordre dans nos différentes perceptions, de forger notre identité et de renforcer notre capacité de discernement. Les neurosciences et les études cognitivo-psychologiques montrent que les contenus imagés et narratifs marquent la mémoire de manière particulièrement durable. L’école se doit de créer des espaces pour favoriser le développement de ces processus d’interprétation : en comparant les sources, en prenant des notes lors d’expériences scientifiques, en expliquant le raisonnement des solutions aux problèmes mathématiques ou encore en analysant des personnages de littérature. Dans un monde dominé par les médias, les élèves apprennent ainsi à faire la différence entre leurs propres interprétations et celles des autres. Ils apprennent à utiliser de manière réfléchie les médias dans toutes les disciplines et tout au long de leur scolarité. La formation se révèle donc être un processus herméneutique qui permet aux jeunes de former des histoires solides à partir d’images mentales et de s’orienter dans un monde complexe.
Im Bilderwald der Deutung
Bilder sind der erste Zugriff auf die Welt. Sie treffen uns unmittelbar und prägen uns. In Sprache gefasst werden sie deutbar, als Erzählung geordnet gewinnen sie Sinn und kehren als geteilte Geschichten in die Welt zurück. Hier hebt unser Verstehen an.

Menschen bilden ihren Kosmos nicht aus einzelnen Eindrücken, Pixeln und isolierten Daten, aus Informationsschnipseln oder blanken Fakten, sondern aus farbigen Bildern, die sie zu Geschichten spinnen. Erzählungen sind dabei die Scharniere zwischen bildhafter Wahrnehmung und begrifflicher Bedeutung. Was wir verstehen wollen, müssen wir erzählen können.
Der Märchenklassiker «Hänsel und Gretel», überliefert in den «Kinder- und Hausmärchen» der Brüder Grimm, macht sichtbar, was Erzählen leistet: Er verwandelt die bedrohliche Erfahrung des Verlassenwerdens in eine verstehbare Abfolge von Ereignissen. Wir kennen die Geschichte – und die Bilder, die sich im Kopf entfalten: ein Geschwisterpaar, ausgesetzt im dunklen Wald; den Rückweg verloren, die vertraute Ordnung zerbrochen; das Hexenhaus als Ort der Verführung und die Hexe als Chiffre der Bedrohung. Diese Bilder öffnen in uns Bedeutungsräume: Die Vorstellung von Angst, Hunger, Verlockung und Täuschung verankert sich, lange bevor wir sie begrifflich deuten. Gerade darin liegt die Kraft von Märchen: Sie erklären nicht – sie erzählen in Bildern.1
Welt- und Selbstverständnis
Menschen suchen nach Sinn zwischen Wahrnehmung und Begriff und changieren im klassischen Spannungsfeld von Empirismus und Rationalismus.2 Immanuel Kant als transzendentaler Vermittler hat diesen Gegensatz aufgelöst, indem er zeigte, dass Erkenntnis aus dem Zusammenspiel von Anschauung und Begriff entsteht: «Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind» (Kritik der reinen Vernunft, A51/B75). Erst aus dem Zusammenwirken von Sinnlichkeit und Verstand entsteht Bedeutung. Bilder im Kopf werden dann verstehbar, wenn sie sprachlich gefasst und begrifflich geordnet werden. Diese Ordnung erhält ihre gemeinsame Gestalt in der eigenen Sprachwelt, wie Ludwig Wittgenstein im «Tractatus logico-philosophicus» (5.6) ausführt: «Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.» Was nicht zur Sprache kommt, entzieht sich der gemeinsamen Deutung; erst in der sprachlichen Form werden Erfahrungen mitteilbar und prüfbar.
Wenn Wahrnehmung erst im Begriff verständlich wird und Sprache die Grenze unserer Welt markiert, dann gewinnt Erfahrung ihre zeitliche Gestalt im Erzählen. Was bei Kant als Zusammenspiel von Anschauung und Begriff erscheint und bei Wittgenstein in der Sprachgebundenheit des Verstehens sichtbar wird, entfaltet sich bei Paul Ricœur zur narrativen Identität: Menschen verstehen sich selbst, indem sie ihre Erfahrungen zu einer Geschichte verbinden, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufeinander bezogen werden.3 Aus dem Lebens-Entwurf entsteht so eine biografische Kontinuität. Dieser Prozess des wiederkehrenden Verknüpfens von Wahrnehmung, Sprache und Deutung lässt sich als hermeneutischer Zirkel beschreiben (siehe Grafik unten).
Dass diese hermeneutische Einsicht auch empirisch gestützt wird, zeigen neurowissenschaftliche und kognitionspsychologische Studien (u.a. Cahill/McGaugh; Paivio; Schank/Abelson): Emotional geprägte, bildhafte Inhalte werden besonders nachhaltig erinnert, und narrative Strukturen fördern das Behalten, weil sie einzelne Eindrücke zu sinnhaften Zusammenhängen verbinden. Lernen knüpft an solche Gedächtnisspuren an: Neue Wahrnehmungen werden mit vorhandenen inneren Bildern verknüpft und gewinnen dadurch Bedeutung. Verstehendes Lernen entsteht somit nicht durch die Anhäufung isolierter Informationen, sondern durch deren Einordnung in bestehende Deutungsmuster.
Der hermeneutische Lernkreislauf: von der Wahrnehmung zur Orientierung

Die Grafik zeigt den hermeneutischen Prozess als Bewegung: Wahrnehmungen erscheinen zunächst als innere Bilder. In der sprachlichen Fassung werden sie benennbar, im Erzählen zeitlich geordnet und damit prüfbar. Erst die Deutung verbindet einzelne Eindrücke zu Bedeutung; daraus entsteht Verstehen, das Orientierung ermöglicht. Diese Orientierung wirkt wiederum auf neue Wahrnehmungen zurück. Lernen erscheint so als Kreislauf, in dem Bilder, Sprache und Urteil untrennbar miteinander verbunden sind.
Schule als Deutungsraum
Wo Verstehen erzählerisch entsteht, wird Schule zum Deutungsraum: Sie schafft den Rahmen, in dem Wahrnehmungen sprachlich gefasst und Erfahrungen zu verstehbaren Zusammenhängen geordnet werden. Schule hilft, innere Bilder in Sprache zu überführen und zu überprüfbaren Erzählungen zu formen. Lehrpersonen begleiten diesen Prozess, indem sie Fragen stellen, Perspektiven öffnen und begründetes Urteilen einüben.
Wenn im Geschichtsunterricht unterschiedliche Quellen verglichen werden, im naturwissenschaftlichen Unterricht ein Experiment nicht nur durchgeführt, sondern in eigenen Worten interpretiert wird, im Mathematikunterricht Lösungswege nachvollziehbar dargestellt werden und im Deutschunterricht literarische Figuren aus verschiedenen Blickwinkeln erscheinen, entsteht ein gemeinsamer Deutungsraum, in dem Sichtweisen erkennbar und Argumente überprüfbar werden.
Erzählen ist dabei weder einzelnen Fächern vorbehalten noch schmückendes Beiwerk, sondern eine Grundform des Lernens: Es verbindet Wahrnehmung mit Wissen, ordnet Erfahrungen und eröffnet Orientierung. Zugleich stärkt es die Urteilskraft und unterstützt die Identitätsbildung junger Menschen. In einer medial verdichteten Gegenwart wird dieser schulische Deutungsraum zur Voraussetzung von Orientierung.
Orientierung schaffen
Heute entstehen jene Bilder, die Denken und Erinnern prägen, nicht mehr nur in Märchen und Büchern, sondern in Filmen, in Spielen und in digitalen Informationsströmen. In dieser Gegenwart erreichen uns unablässig flüchtige Bild- und Erzählfragmente. Wenig wird eingeordnet, Deutungsangebote werden oft mitgeliefert, noch bevor eigene Fragen entstehen.
Die Herausforderung besteht daher nicht darin, diese Reizflut zu vermeiden, sondern zu lernen, sie einzuordnen und zu prüfen. In diesem Prozess erweist sich die Schule als Ort, an dem aus Informationsfülle verstehbare Zusammenhänge werden. Denn Meinungen entstehen nicht durch den Konsum von Informationen, sondern durch deren Verarbeitung im sprachlichen Austausch, im Abwägen unterschiedlicher Perspektiven und im Bezug auf eigene Erfahrungen. Narrative schaffen Orientierung, indem sie Komplexität in nachvollziehbare Handlungsabläufe überführen. Diese notwendige Vereinfachung bleibt jedoch ambivalent: Sie kann Wirklichkeit verkürzen, Perspektiven ausblenden und Mehrdeutigkeit in scheinbare Gegensätze wie Gut und Böse überführen. In sozialen Bubbles, Verschwörungserzählungen oder bei der Verbreitung sogenannter alternativer Fakten wird diese Struktur gezielt genutzt, um Deutungen zu verengen und Zustimmung zu mobilisieren.
Urteilskraft formen
Umso wichtiger sind Schulen als Orte des Einordnens. Hier werden mediale Eindrücke nicht nur konsumiert, sondern geprüft, in Zusammenhänge gestellt und in eigene, begründete Erzählungen
überführt. Indem Heranwachsende Wahrnehmungen hinterfragen, gewinnen sie die Fähigkeit, zwischen fremden Deutungen und eigenen Positionen zu unterscheiden und diese verantwortungsvoll zu vertreten. So entwickeln sich Urteilskraft und Mündigkeit.
Ein reflektierter Umgang mit Medien entsteht aber nicht punktuell, sondern durch einen abgestimmten, fachübergreifenden Aufbau über die gesamte Schulzeit hinweg. Wie die Schulen diese Herausforderung angehen, lesen Sie in unserem Beitrag über die Plattform «Fächernet» (Seite 21). Welche Tragweite Narrative für die Meinungsbildung junger Menschen hat, zeigt unser Experteninterview mit Michael Füllemann, Angebotsverantwortlicher Medien und Informatik an der PHBern (Seite 18). Im Porträt über Maria Aellig (Seite 25) wiederum wird sichtbar, wie die Bibliothekarin und Lehrerin aus Nidau in den jungen Menschen die Freude am Lesen weckt. Im Gespräch mit Matthias Rüttimann erzählt uns der Theaterpädagoge, wie Schülerinnen und Schüler Geschichten im szenischen Spiel deuten, verändern und verkörpern und dabei Auftritts-, Team- und Urteilskompetenzen entwickeln, die über den Unterricht hinaus wirksam bleiben (Seite 22).
Verstehen vollzieht sich in Sprache. Mit Hans-Georg Gadamer lässt sich sagen: Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache. Erzählen ist darum mehr als eine Methode – es ist eine Kulturtechnik.
Schulen sind jene Orte, an denen Bilder zur Sprache kommen, Erfahrungen gedeutet und Geschichten verantwortet werden. Wer erzählen kann, ordnet Wahrnehmung, gewinnt Urteilskraft und findet Orientierung – auch im dichten Bilderwald.
- In unterschiedlichen Formen kehren solche Erzählstrukturen bis heute in Literatur, Film, Theater und digitalen Medien wider. Archetypisch sind a) das Heldenmärchen, das von Aufbruch, Widerstand, Verantwortung und Rückkehr erzählt (z. B. «Der starke Hans»); b) das Prüfungsmärchen, wo es um Entscheidung, Bewährung und Urteilskraft geht («Hänsel und Gretel»); und c) das Verwandlungsmärchen, das von innerer Entwicklung und Reifung handelt («Der Froschkönig»).
- Der britische Empirismus (John Locke, George Berkeley, David Hume) betont die Vorrangstellung der Sinneserfahrung und versteht Erkenntnis als Ergebnis von Wahrnehmung und Assoziation. Demgegenüber hebt der kontinentale Rationalismus (René Descartes, Baruch de Spinoza, Gottfried Wilhelm Leibniz) die Rolle angeborener Ideen und der Vernunft als Quelle sicherer Erkenntnis hervor.
- Kernaspekte der narrativen Identität sind (1) Selbstentwurf: Der Mensch ist Autor und Hauptfigur seiner eigenen Geschichte, die sich laufend weiterentwickelt; (2) Sinnstiftung: Erlebnisse werden interpretiert, um ihnen Bedeutung zu verleihen (z.B. eine Krise als notwendiger Entwicklungsschritt); (3) psychische Stabilität: Eine gut strukturierte Lebensgeschichte fördert das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit; (4) soziale Einbettung: Erzählungen nutzen kulturelle Modelle (Mythen, Rollenbilder) und dienen der Positionierung gegenüber anderen.
Christoph Schelhammer / Illustrationen: David Nydegger
EDUCATION 1.26