Grosse Mehrjahrgangsklassen war man sich in Guggisberg bereits gewohnt. Aber eine herausfordernde Situation bei der Stellenbesetzung in den nächsten Jahren brachte die Schule Guggisberg dazu, zwei Klassen des 4.– 6. Schuljahres zusammenzuführen – und fachweise auch für das 3. Schuljahr durchlässig zu gestalten.

Grosse Mehrjahrgangsklassen war man sich in Guggisberg bereits gewohnt. Aber eine herausfordernde Situation bei der Stellenbesetzung in den nächsten Jahren brachte die Schule Guggisberg dazu, zwei Klassen des 4.– 6. Schuljahres zusammenzuführen – und fachweise auch für das 3. Schuljahr durchlässig zu gestalten.
Aufgrund des Fachkräftemangels war es für die Schule Guggisberg herausfordernd, für sich ankündigende vakante Stellen und Pensionierungen neue Lehrpersonen zu finden. Vorausschauend darauf, entwickelte die Schule eine Lösung, mit der ohne Neuanstellungen von Lehrpersonen die offenen Lektionen an der Schule abgedeckt werden konnten. Anstatt wie bisher mit zwei Klassen, bestehend aus Schülerinnen und Schülern von der 4. bis zur 6. Klasse, findet neu der Unterricht im Zyklus 2 in einer einzigen grossen Klasse mit 39 Schülerinnen und Schülern statt. Dazu unterrichten neu drei Lehrpersonen gemeinsam im Teamteaching. Einzig in den Fächern Sport und Musik findet der Unterricht in zwei Klassen statt. Ohne diese Lösung hätte die Schule für zwölf Lektionen eine Lehrperson mit Klassenlehrperson-Funktion suchen müssen. Durch das gemeinsame Unterrichten konnten diese Lektionen auf das bestehende Lehrpersonal verteilt werden.
«Unterstützung von allen Seiten wichtig»
Neu besteht zudem für Schülerinnen und Schüler der 3. Klasse die Möglichkeit, sich in einzelnen Fächern wie der Mathematik der 4.– 6. Klasse anzuschliessen. Die Schulleiterin Vreni Bürki, die das Projekt von der Idee in die Realisierung gebracht hat, sagt: «Die Idee dazu kam ursprünglich nicht ausschliesslich von der Schulleitung, sondern von einer Lehrperson.» Und sie nennt damit auch gleich eine der wichtigsten Gelingensbedingungen: «Es braucht die Unterstützung und die Überzeugung von allen Beteiligten, von der Schulleitung über die Lehrpersonen, die Bildungskommission bis hin zu den Eltern», so Bürki. Dies sei in Guggisberg der Fall gewesen, auch wenn zu Beginn nicht alle gleichermassen vom Erfolg des Projekts überzeugt waren. Um dies zu erreichen, brauchte es eine gut organisierte Kommunikation mit genügend Vorlaufzeit.
Zyklus 2 durchlässiger gestalten
Einen Vorteil gab es für die Schule in Guggisberg bei der Projektplanung. So musste die Schulleitung die neue Organisation nicht komplett selbst kreieren. Zu Beginn habe man sich an der Schule St. Stephan orientiert, die eine ähnliche Umgestaltung bereits vor ein paar Jahren angegangen ist und erfolgreich umgesetzt hat, sagt Bürki. An einer Retraite habe man das Projekt mit der Bildungskommission besprochen und anschliessend den Kontakt und die Zusammenarbeit mit dem Schulinspektor Luca Aebersold begonnen. Auf das aktuelle Schuljahr hin war die Schule nach einem Jahr Vorbereitung bereit, das neue System mit einer grossen Klasse im Zyklus 2 einzuführen.
Das neue Format hat aus Sicht von Bürki für alle Beteiligten Vorteile. Die Klassen der Mittelstufe sind durch das Teamteaching breiter abgestützt. Auch für die jüngeren Kinder, insbesondere für die Drittklässlerinnen und Drittklässler, hat es Vorteile. «Wir haben manchmal den Eindruck, dass sie in der von der 1. bis zur 3. Klasse übergreifenden Klasse noch besser gefördert werden können, wenn sie punktuell in die 4.– 6. Klasse wechseln können», erklärt Bürki. Das gemeinsame Unterrichten sorgt zu.dem dafür, dass die Verantwortung unter den Lehrpersonen gleichmässiger aufgeteilt ist.
Ansprech- statt Klassenlehrperson
Die Lehrpersonen teilen sich die Funktion der Klassenlehrperson als sogenannte Ansprechpersonen für jeweils rund ein Dutzend Schülerinnen und Schüler. Für den Unterricht sprechen sie sich untereinander ab und führen diesen in der Regel zu dritt im Teamteaching. Zusätzlich werden sie von den Lehrpersonen IF unterstützt. Die Absprachen zwischen den Ansprechpersonen erfolgen in einem dafür eigens geschaffenen Gesprächsformat, das wöchentlich stattfindet. Zusätzliche Absprachen finden nach Bedarf statt. «Wir haben viele erfahrene Lehrpersonen, deshalb war es für uns der richtige Moment, das neue Unterrichtsmodell einzuführen», so die Schulleiterin weiter. Sie ist auch überzeugt, dass junge Lehrpersonen in einem solchen Unterricht gut integriert werden und sie motiviert und offen seien, im Teamteaching zu unterrichten.
Was sagt der zuständige Schulinspektor?
«An der neuen Klassenorganisation in Guggisberg fasziniert mich besonders, dass die Schule den Entwicklungsprozess frühzeitig und mit Weitsicht angestossen hat – dies, bevor äussere Zwänge sie akut dazu gedrängt hätten. Mein Besuch vor Ort hat mich nachhaltig beeindruckt: ein Lehrpersonenteam, das wie ein Uhrwerk ineinandergreift und bestens aufeinander abgestimmt ist. Eine Einrichtung, die nicht nur funktional ist, sondern auch mit Sorgfalt gepflegt wird. Ein Unterricht, der durch seine klare Struktur besticht, mit durchdachten Aufgaben und passenden Lernmaterialien. Und das Eindrücklichste: Die Schülerinnen und Schüler lernen mit bemerkenswerter Intensität, vertieft in die individuellen Aufgaben und bei Bedarf mit einzelnen unterstützenden Inputs durch die präsenten Lehrpersonen. Dieses überzeugende Gesamtbild ist kein Zufall, sondern das Ergebnis grossen Engagements, einer gelebten Kooperationskultur, der Hartnäckigkeit einer visionären Schulleitung und der nötigen Unterstützung durch die Behörde.» Luca Aebersold, Schulinspektor Kreis 6
Toolbox Lehrpersonenmangel
Die BKD und die PHBern bündeln ihre Unterstützungsangebote in einer Toolbox, die Schulen beim Umgang mit dem Fachpersonenmangel hilft. Gezielt entwickelte Weiterbildungen, individuelle Beratungen, praxisnahe Unterrichtsmaterialien
sowie finanzielle Entlastungsmöglichkeiten erlauben es Schulen, Herausforderungen aktiv anzugehen und den Schulalltag nachhaltig zu gestalten.
Yves Brechbühler
Fotos: Yves Brechbühler
EDUCATION 1.26