Logo Kanton Bern / Canton de BerneEDUCATION

Fünf Fragen an Selina Gerber

1. Wenn Sie an Ihre Schulzeit denken, was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn?
Unsere Kindergarten-Theateraufführung «Aschenputtel». Warum ausgerechnet ich den Prinzen spielte, ist bis heute eines der grossen Rätsel meiner Theaterlaufbahn. Offenbar hatten sämtliche Jungs der Gruppe kollektiv beschlossen, dass königliche Verantwortung nichts für sie sei. Ich stand also plötzlich im Rampenlicht – mit einer Rolle, die ich eigentlich gar nicht wollte und die ich mir definitiv glamouröser vorgestellt hatte. Statt auf einem edlen Ross ritt ich auf einem Steckenpferd, und in der Hand hielt ich keinen gläsernen Schuh, sondern eine Birkenstock-Sandale. Das erschien mir wenig prinzessinnenlike. So wanderte ich also von Kind zu Kind, hielt ihnen diesen orthopädischen Beweis der Liebe vors Gesicht und fragte mich innerlich, ob das hier wirklich der Stoff war, aus dem Märchen gemacht sind.
 
2. Welcher Lehrperson würden Sie rückblickend eine Sechs geben und warum? Meine Klassenlehrerin in der  Sekundarschule. Streng, routiniert und traditionell – immer klar und fair. Sie kannte meine Schwächen, ohne sie mir vorzuhalten, und sah meine Stärken, ohne sie aufzubauschen. Rückblickend beeindruckt mich vor allem eines: Sie sah uns nicht nur als Klasse, sondern jeden Einzelnen. 
 
3. Inwiefern hat Ihnen die ­Schule geholfen, eine erfolgreiche Schriftstellerin zu werden?
In meiner Branche braucht man Biss. Den habe ich in der Schule gelernt. Nicht aufzugeben, wenn Aufgaben auf den ersten Blick für mich unlösbar schienen. Dieser Biss hat mich durch viel Unbequemes getragen. Und er trägt mich bis heute als Theatermacherin.
 
4. Was ist das Wichtigste, was Kinder und Jugend­liche heute im Kindergarten oder in der Schule lernen sollten? Mir ist wichtig, dass Kinder und Jugendliche in der Schule viel ausprobieren dürfen, ohne Druck und Leistungsgedanken. Dass sie dort ab geholt werden, wo sie gerade stehen, Mut und Stärke tanken, Empathie erleben und ihre sozialen Fähigkeiten ausbauen. Theaterpädagogik ist dafür ein ideales Lernfeld. Beim Theaterspielen können Kinder das Leben üben: sich selbst und andere neu entdecken, scheitern, verhandeln, eigene Ideen testen und so herausfinden, wer sie sind. Gleichzeitig tauchen sie in spannende Themen ein und setzen sich mit anderen Sichtweisen und Inhalten auseinander. Deshalb fände ich es grossartig, wenn Theater regelmässig im Stundenplan Platz fände. Es geht nicht ums perfekte Ergebnis, sondern darum, Erfahrungen zu sammeln und den Prozess zu geniessen – Kreativität wird erlebt, nicht geübt.
 
5. Wären Sie eine gute Lehrperson?
Fragen Sie das lieber meine ehemaligen Kids aus dem Kindergarten oder die Kinder und Jugendlichen aus den Schulklassen, die ich heute als Theaterpädagogin begleite. Ich selbst bin, ehrlich gesagt, gern nicht mehr klassenverantwortliche Lehrperson. So kann ich mich frei in meinem Lieblingsfeld austoben: Schauspiel, Theater und Regie. In der Theaterpädagogik an den Schulen darf und muss ich ein bisschen Chaos zulassen, und es ist eine Freude, zu sehen, wie sich die Kids entfalten, etwas ausprobieren und gemein sam  lernen – und das auf eine Art, die über Noten und Stundenplan hinausgeht.

ist Regisseurin, Theaterpädagogin und Schauspielerin. An der Swiss Musical Academy in Bern absolvierte sie ihre Ausbildung zur Musicaldarstellerin mit Schwerpunkt Gesang, Tanz und Schauspiel. Danach studierte sie an der Pädagogischen Hochschule Zürich (BA Pre-Primary Education) und ergänzte ihr Profil mit einem MAS in Theaterpädagogik sowie einem CAS in Kulturbetriebsführung an der ZHAW. Mit Leidenschaft verbindet sie Bühne und Bildung: Sie inszeniert Theaterproduktionen, steht selbst auf der Bühne und leitet Workshops für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Ihr Ziel ist es, Menschen für die darstellenden Künste zu begeistern. Zu ihren Regiearbeiten zählen Sommertheater-Inszenierungen sowie Produktionen am Stadttheater Schaffhausen, darunter 2023 und 2024 «Der kleine Wassermann» und «Der kleine Vampir». Mit «Himmeltunnertoria» schrieb sie – inspiriert von den Liedern aus Dieter Wiesmanns Album «Matthias» – ihr erstes eigenes Kindertheaterstück, das im Dezember 2025 uraufgeführt wurde.

Foto: zvg

 

EDUCATION 1.26

Seite teilen