In ihrer Stelle als Rektorin des PH-Instituts NMS Bern laufen alle bisherigen Berufs- und Weiterbildungsfäden von Katrin Müller zusammen. Sie erzählt, wie und warum sie hier die Tradition würdigen und gleichzeitig die Innovationskultur vorantreiben will und welche Rolle der präfrontale Kortex dabei spielt.

Wer Katrin Müller interviewt und ohne Aufnahmegerät arbeitet, sollte über eine flinke Mitschreibe verfügen. Die Rektorin des PH-Instituts NMS Bern spricht schnell, präzis und so klar formuliert, dass jede Aussage Zitatpotenzial hat. Dabei wird schon nach den ersten Sätzen deutlich, dass da eine spricht, die für ihre Sache brennt, und ihre Arbeitstage mit Aufgaben verbringt, die sie begeistern. Das sei schon immer ihr Ansatz gewesen, hält sie denn auch fest:
«Arbeitszeit ist Lebenszeit. Also will ich sie mit etwas zubringen, das ich sinnvoll finde, hoffentlich gut kann und gern tue und in dem ich mich weiterentwickeln kann.» Dass es ausgerechnet die Bildung und die Lehre geworden sind, hat sie hingegen nicht kommen sehen.
«Ich bin in einer Familie mit vielen Lehrpersonen aufgewachsen und fand das immer furchtbar.» Also entscheidet sie sich nach der obligatorischen Schulzeit zunächst fürs Gymnasium – bevor sie abbricht und ihrer Schwes.ter allen anderslautenden Vorsätzen zum Trotz ans ehemalige Lehrerinnen- und Lehrerseminar der NMS folgt.
Die perfekt zugeschnittene Stelle
In den späteren Universitätsjahren hängt sie den Lehrerinnen.beruf auch darum nie ganz an den Nagel, weil sie darin stets die eigenen Weiterentwicklungsmöglichkeiten sieht. «Ich habe nicht unterrichtet, um meinen Schülerinnen und Schülern von oben herab die Welt zu erklären, sondern, um auch selbst ganz viel zu lernen. Alles andere wäre eine verpasste Chance.» Davon sei sie bis heute überzeugt. Dass sie als Rektorin unter anderem für das Fundament einer solchen Haltung mitverantwortlich ist, passt darum wunderbar. Die Stelle sei gewissermassen ein Zusammenzug ihrer Stationen ab dem Doktorat: «Bei der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren war ich Geschäftsführerin der Anerkennungskommission für Lehrdiplome, an der Eidgenössischen Hochschule für Berufsbildung habe ich zuerst den Direktionsstab, später die Weiterbildung Deutschschweiz geleitet und mich in General Management und Strate.gie weitergebildet, bei BeLEARN schliesslich habe ich als Ge.schäftsführerin das Kompetenzzentrum für Digitalisierung in der Bildung aufgebaut und währenddessen einen CAS in Innova.tions-und Changemanagement gemacht.» Ein gut gefüllter Rucksack, den Katrin Müller in ihrer jetzigen Funktion mit neuen Erfahrungen anreichern will. «Mein Antrieb bleibt auch am PH-Institut die Weiterentwicklung, persönlich wie institutionell.»
Gross und spielerisch denken
Dabei ist ihr wichtig, die Tradition zu honorieren. «Von einem Leh.rerinnen- und Lehrerseminar zu einer akkreditierten Hochschule zu werden, ist ein Kraftakt, vor dem ich auch nach einem Jahr noch jeden Tag meinen Hut ziehe. Gleiches gilt für das immense Engagement, die Kompetenzen und die Loyalität unserer Mit.arbeitenden, die ich hier tagtäglich antreffe. Aber: Tradition allei.ne kann nicht der Weg sein. Weil sie immer mit einem Zurückschauen verbunden ist und wir hier an der Zukunft arbeiten. Unser Slogan sagt es sehr schön: Schule studieren. Zukunft gestalten.» Daran will Katrin Müller als Rektorin anknüpfen und das PH-Ins.titut NMS in seinem Dasein als gestaltende Hochschule weiter stärken. «Eine Hochschulkultur muss immer auch eine Innovationskultur sein. Verwalten lässt sich die Welt nicht, gestalten hingegen sehr wohl.»
Auf dass ebendiese Haltung zur DNA der Institution wird, lässt Müller ihre Innovationsskills spielen, wortwörtlich. In ihrem Büro stehen mehrere Brettspiele und Lego-Blumensträusse, im Foyer liegt das eine Spiel in Teppichform auf. Das Ziel dahinter sei überall das gleiche: «Den präfrontalen Kortex ausschalten oder zumindest für einen Moment in den Hintergrund rücken.» Die Arbeit damit treibt sie privat und beruflich gleichermassen um. «Je älter wir werden, desto mehr nimmt das konkrete, abwägende, bewusste Denken überhand, im Hochschulumfeld ganz besonders. Das ist oft sehr hilfreich, mindestens ebenso oft ziehen wir uns damit aber selbst den Stecker.
Abseits ihres Arbeitsalltags beobachtet Katrin Müller das Phänomen beim Sport. «Seit einigen Jahren boxe ich. Ob ich das in der Mittagspause oder am Wochenende tue, macht einen riesigen Unterschied. Mittags ist der präfrontale Kortex von der morgendlichen Arbeit in der Pole Position, an Wochenenden hingegen kann ich ihn besser in den Hintergrund rücken – und boxe viel besser.» Statt jeden Schlag respektive jede Idee einer Möglichkeitsprüfung zu unterziehen, plädiert sie deshalb dafür, den Raum vermehrt aufzumachen und gross zu denken. «Im Kleiner-machen sind wir alle gut, im ‹Ja, aber› sagen ebenfalls. Was aber, wenn wir anfangen, ‹Ja und› zu sagen, gross zu denken und das Ideensammeln spielerisch anzugehen? Das würde uns so viele Zugänge öffnen.»
Katrin Müller (45)
ist ausgebildete Primarlehrerin und hat nach einem Studium der Pädagogischen Psychologie und Philosophie in Bern zur Tertiarisierung der Lehrerinnen- und Lehrerbildung doktoriert.
Im März 2025 ist sie als Rektorin des PH-Instituts NMS Bern an den Ort ihrer Grundausbildung zurückgekehrt.
Karin Hänzi
Foto: Pia Neuenschwander
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