Bislang hat jede Berufsfachschule nach ihrem eigenen Allgemeinbildungslehrplan, dem sogenannten Schullehrplan, unterrichtet, ab August 2026 gilt für die gewerblich-industriellen Berufe einer für alle. Projektleiter Kilian Schreiber über den Weg zu diesem Meilenstein, der Teil der Initiative «Berufsbildung 2030» ist.
Mit der Gesellschaft verändert sich auch der Arbeitsmarkt. Was heute gelehrt wird, verliert bis zum Lehrabschluss unter Umständen an Bedeutung. Umso wichtiger ist es, die Berufsbildung so auszurichten, dass sie agil und fit für den Arbeitsmarkt der Zukunft bleibt. Die verbundpartnerschaftlich getragene Initiative «Berufsbildung 2030» verschreibt sich genau diesem Anliegen: In 35 Projekten geht sie die Weiterentwicklung und Zukunftsfähigkeit des Berufsbildungssystems an und schafft mit ihren Stossrichtungen einen passenden Orientierungsrahmen. Lebenslanges Lernen und flexibilisierte Bildungsangebote spielen dabei genauso eine Rolle wie die Megatrends Digitalisierung sowie Internationalisierung und Veränderung der Arbeitsbeziehungen. Mittendrin: die Projekte «Allgemeinbildung 2030» und «Berufsmaturität 2030». Während die Vorarbeiten zur Berufsmaturität ergaben, dass sie keiner grundlegenden Reform bedarf und im Rahmen einer Teilrevision hauptsächlich Verordnung, Rahmenlehrplan, Anerkennungsprozesse, die verbundpartnerschaftliche Zusammenarbeit sowie die Information und Kommunikation rund um die Berufsmaturität im Fokus standen, mündete die Allgemeinbildung (ABU) respektive mündeten die dazugehörigen Bemühungen in einem Meilenstein. Das Projekt soll in diesem Beitrag darum im Fokus stehen.
Kilian Schreiber (61)

ist eigentlich Historiker, fand über das Personalwesen vor über 20 Jahren zur Berufsbildung. Seit Oktober 2024 verantwortet er beim Kanton Bern das Projekt «Allgemeinbildung 2030».
Mit Diplomatie und Fingerspitzengefühl
Gut 20 kantonale Berufsfachschulen, ebenso viele Allgemeinbildungslehrpläne: Was sich bisher von Schule zu Schule unterschieden hat, wird per August 2026 vereinheitlicht. In einem ersten Schritt für die gewerblich-industriellen Berufe, später sollen auch die ABU-Lehrpläne für den Detailhandel und die kaufmännische Grundbildung harmonisiert und angeglichen werden. «Angesichts der Tatsache, dass bisher jede Berufsfachschule ihre eigene ABU unterrichtete, ist die bevorstehende Vereinheitlichung ein grosser Schritt», sagt Kilian Schreiber, der das Projekt «Allgemeinbildung 2030» auf Kantonsseite verantwortet.
«Alles Neue erst einmal als Gefahr zu betrachten und Veränderungen entsprechend skeptisch gegenüberzustehen, ist absolut menschlich, erst recht, wenn dabei die eigene Mitbestimmung zur Debatte steht. Es war also in den letzten knapp zwei Jahren in jeder Hinsicht Fingerspitzengefühl gefragt.» Ein erstes Mal bei der Zusammenstellung des Projektteams, das neben Schreiber ausschliesslich aus ABU-Lehrpersonen besteht und die Diversität des Kantons möglichst gut widerspiegeln sollte, sowohl hinsichtlich Geschlecht als auch bezogen auf die verschiedenen Regionen sowie die beiden Amtssprachen. «Ich glaube, das ist uns ganz gut gelungen», so der kantonale Projektleiter. Auf dass der Lehrplan und seine Umsetzung Hand in Hand mit der Praxis entstehen, trifft sich die Gruppe seit Frühsommer 2025 und noch bis Ende 2027 regelmässig in der gibb. Für die Lehrpersonen entspreche das einem Pensum von vier Wochenlektionen, so Schreiber. «Ein sehr grosses und wertvolles Engagement.» Begleitet wird die Gruppe vom sogenannten Sounding Board. Hier haben auf Wunsch alle kantonalen Berufsfachschulen Einsitz, etwa alle zwei Monate findet ein Workshop statt. «Das Ziel ist es, die ausführenden Schulen gut mitzunehmen und abzuholen, sprich, nicht einfach zu befehlen, sondern immer wieder nachzufragen und die Projektschritte breit abzustützen.»
Kantonaler Schwerpunkt, regionale Ausgestaltung
Neben der Vereinheitlichung der Allgemeinbildung ging es gleichzeitig darum, die Inhalte zu aktualisieren und auf neue Phänomene sowie den Grundsatz der Handlungskompetenz auszurichten, kurz: fit für die Zukunft zu machen. «Medien und Digitalität etwa ziehen sich durch alle Lehrjahre, weil es die Medienkompetenz in Zeiten von Fake News mehr denn je zu stärken gilt», sagt Kilian Schreiber und nennt damit einen weiteren wichtigen Aspekt des neuen ABU-Lehrplans: «Die Zirkularität ist ein Kernelement. Damit die Lernenden ihre Kompetenzen auf unterschiedlichen Komplexitätsstufen weiterentwickeln können, werden bestimmte Inhalte analog der Volksschule in allen Lehrjahren wiederkehrend aufgegriffen.» Ein Teil der Inhalte ist dabei fix vorgegeben, andere bieten Spielraum und lassen sich auf die Regionen anpassen. «Ein gutes Beispiel sind volkswirtschaftliche Themen. Der jeweilige Schwerpunkt ist vorgegeben, die detaillierten Inhalte liegen in den Händen der Schule. So kann beispielsweise der allgemeinbildende Unterricht in St-Imier Bezug zur Uhrenindustrie nehmen, während in Interlaken die Tourismusbranche beleuchtet wird.» Freiheiten, mit denen das Projekt zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt: Zum einen bleibt den Berufsfachschulen Gestaltungsspielraum, zum anderen trägt der Unterricht so regionalen Bedürfnissen und Besonderheiten Rechnung. «In einem vielfältigen Kanton wie Bern ein Muss und auch didaktisch sinnvoll: Was einen Bezug zur eigenen Lebenswelt hat, erschliesst sich leichter und bleibt länger hängen», ist Kilian Schreiber überzeugt.
Im rollenden Prozess auch die Lernenden mitnehmen
Eingeführt wird der neue Lehrplan schrittweise. Ab August 2026 beginnt die Umsetzung für die Lernenden im ersten Lehrjahr, die anderen Lehrjahre folgen gestaffelt bis Ende 2027. «So können wir unsere Ressourcen gut einteilen und die Umsetzung eng begleiten. » Aktuell bereitet Kilian Schreiber den Lehrplan für die Rechtsabteilung vor, bei Umsetzungsstart wird dieser öffentlich einsehbar sein. «Wir nehmen den Faden der Digitalisierung auch hier auf und geben den Berufsfachschulen verschiedene Umsetzungsinstrumente und -beispiele an die Hand, unterstützen sie direkt aus dem Lehrplan heraus. Niemand muss im luftleeren Raum agieren.» Das erachtet der engagierte Projektleiter als zentral, «schliesslich betreten wir alle Neuland, da lassen sich Unsicherheiten nicht vermeiden». Zum Projekt gehören darum auch vielfältige Kommunikationsmassnahmen und zu einem späteren Zeitpunkt eine umfangreiche Evaluation «bei allen Beteiligten», wie Schreiber unterstreicht, denn: «Letztlich geht es beim Lehrplan um die Lernenden. Noch können wir sie nicht befragen, weil die Vergleichswerte fehlen, abgeholt werden ihre Meinungen und Feedbacks aber auf jeden Fall.»
Prüfungen und Lehrplan aus einem Guss
Vorderhand stehen andere Fragen im Fokus. Zum Beispiel jene, ob die Schulen in der Umsetzung nur vorbereitend oder auch im Rahmen von Schulbesuchen begleitet werden. Zudem gilt es, die Berufsfachschulen bei der Auswahl geeigneter Lehrmittel zu unterstützen. «Der Diskussionsstoff geht uns so schnell nicht aus», sagt Kilian Schreiber und lacht. Thema ist dabei auch das Qualifikationsverfahren. «Die Lernenden erwerben einen eidgenössischen Abschluss. Zusammen mit dem ABU-Lehrplan werden darum auch die dazugehörigen Prüfungen standardisiert und die Zeitpunkte der Durchführung vereinheitlicht. Sodass am Ende überall drin ist, was draufsteht, unabhängig davon, welche Berufsfachschule den Abschluss ausstellt.»
Synthèse : La même formation de culture générale pour toutes et tous
Dans le cadre de l’initiative « Formation professionnelle 2030 », le projet « Culture générale 2030 » a permis d’harmoniser les plans d’études cantonaux de culture générale pour les professions industrielles et artisanales, tout en les adaptant au contexte actuel de la numérisation, de la mondialisation et de la flexibilisation des relations de travail. Ceux-ci seront introduits en août 2026, d’abord pour l’ensemble des apprenties et des apprentis de première année, puis de manière échelonnée pour toutes les autres années d’apprentissage jusqu’à fin 2027. Afin de tenir compte de la diversité présente dans le canton, les plans d’études laissent aux écoles professionnelles une certaine marge de manoeuvre quant au contenu des cours. Les thèmes économiques, par exemple, peuvent être traités à Saint-Imier sur la base de l’industrie horlogère et à Interlaken sur la base de la branche touristique. En même temps que les nouveaux plans d’études, la procédure de qualification correspondante sera standardisée, tant au niveau du contenu que de la durée.
Karin Hänzi
Foto: zvg
EDUCATION 2.26