Im Schulhaus Burgistein wird Schule neu gedacht: Statt Frontalunterricht stehen Projekttage, Mitbestimmung und jahrgangsübergreifendes Lernen im Zentrum. Gemeinsam mit der PHBern entwickelte die Schule ein Modell, das Sozialkompetenz, Selbstwirksamkeit und Freude am Lernen stärken soll – und dabei neue Wege des Unterrichtens aufzeigt.
Es ist Donnerstagmorgen im August 2026. Ich öffne die Tür zum Schulhaus Burgistein und betrete den Singsaal. Vor mir öffnet sich ein Raum mit 52 Schülerinnen und Schülern. Alle hören aufmerksam den Erklärungen zu den verschiedenen Ateliers des Tages zu. Wenig später zeigt sich ein anderes Bild: Einige Kinder basteln hoch konzentriert überdimensionale Farbstifte, andere stecken in Gruppen die Köpfe zusammen und berechnen die Grösse jener Stifte, die später den Pausenplatz der Schule schmücken sollen. Zwei Lehrpersonen beantworten geduldig Fragen und hören den Ideen der begeisterten Schülerinnen und Schüler zu. Selbst das Schülerinnen-WC funkelt voller Spiegel, liebevoller Dekorationen und verschiedener Kosmetikprodukte. Dieses Mitwirken und diese gelebten Werte sind Teil des neuen Modells der Schule Burgistein, das ab Sommer 2026 umgesetzt wird.

Guido Frey (61)
ist der Schulleiter der Schule Burgistein und hat den Modellwechsel gemeinsam mit seinem Lehrpersonenteam ins Leben gerufen und entwickelt. Neben der Schule Burgistein leitet er auch die Schule Blumenstein.

Yvette Heimgartner (45)
ist Dozentin und Beraterin am Institut für Weiterbildung und Dienstleistung an der PHBern. Sie hat die Schule Burgistein während des ganzen Prozesses begleitet und beraten.
Schule im Wandel
Die Schule Burgistein steht seit einiger Zeit vor der Herausforderung, dass die verschiedenen Jahrgänge unterschiedlich gross sind – ein Problem, das sich künftig fortsetzen wird. Gleichzeitig wuchs im Kollegium der Wunsch nach einer offeneren und flexibleren Unterrichtsform. Gemeinsam mit der PHBern machte sich die Schule deshalb auf die Suche nach neuen Lösungen und entwickelte das Modell Burgistein.
Das Motiv hinter einem solchen Modellwechsel müsse von Anfang an klar definiert werden, erklärt Yvette Heimgartner, Dozentin und Beraterin der PHBern. Gemeinsam mit seinem Team formulierte Schulleiter Guido Frey deshalb die zentrale Motivation: mehr Beziehungsarbeit im Unterricht und engere Begleitung der Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler. In verschiedenen Gruppen besuchte das Kollegium unterschiedliche Schulen, liess sich inspirieren und passte einzelne Elemente an die Bedürfnisse der eigenen Schule an. Gerade diese Offenheit und Flexibilität seien entscheidend, wenn eine Schule einen solchen Wandel plane, betont Yvette Heimgartner. Auch Zuversicht und die Überzeugung, dass das Vorhaben gelingen kann, haben wesentlich dazu beigetragen, dass sich das Modell erfolgreich entwickeln konnte.
Gemeinsam unterwegs
Ab Sommer 2026 arbeitet die Schule im Zyklus 2 mit zwei Mehrjahrgangsklassen. Kommt ein Kind in die 3. Klasse, wird es einer der beiden Stammgruppen A oder B zugeteilt. Grundlage dafür sind Erfahrungen aus den vorherigen Schuljahren – etwa welche Kinder gut miteinander lernen und harmonieren. Bis zur 6. Klasse bleiben die Schülerinnen und Schüler in derselben Stammklasse. Dadurch entstehen eine stabile Klassenzugehörigkeit und ein starkes Gemeinschaftsgefühl.
Besonders prägend für das Modell ist der Donnerstag: Dann findet jeweils ein Projekttag statt, an dem je nach Thema auch Kinder aus dem Zyklus 1 teilnehmen können. Jeden Morgen werden den Schülerinnen und Schülern die verschiedenen Ateliers vorgestellt. Dabei gibt es Pflichtateliers, die alle absolvieren, sowie Wahlateliers, aus denen frei gewählt werden kann. Das Lehrpersonenteam steckt derzeit mitten in den Vorbereitungen für die Projekttage des ersten Semesters.
Projekttage
Die Schule verfolgt dabei drei zentrale pädagogische Ziele: Individuumsorientierung, Gemeinsamkeitsorientierung und Partizipationsorientierung. Durch Projekttage sollen diese Ziele erlebbar werden und den Kindern neue Formen des Lernens eröffnen. Im Zentrum dieser Projekttage steht nicht die Bewertung. «Schülerinnen und Schüler sollen ausprobieren und ihre Selbstwirksamkeit stärken können», sagt Guido Frey. Immer wieder werden neue Gruppenkonstellationen gebildet, um auch die Sozialkompetenz gezielt zu fördern. Erst in einem zweiten Schritt fliesst die Bewertung ein – etwa über sichtbare Produkte, Präsentationen und Ergebnisse aus den Projekten.
Neue Lernkulturen
Auch an den übrigen Tagen setzt die Schule auf offenen und fächerübergreifenden Unterricht sowie auf selbst organisiertes Lernen mit klaren Strukturen. Gearbeitet wird dabei innerhalb der Stammklassen, damit die Kinder ein stabiles Zugehörigkeitsgefühl entwickeln können. Mit dem neuen Modell gewinnt auch die Zusammenarbeit der Lehrpersonen an Bedeutung. Die persönliche Passung im Team ist dabei zentral. Um passende Lehrpersonen zu finden, drehte Guido Frey gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern ein eigenes Video zur Stellenausschreibung.
Für Yvette Heimgartner spielt die Schulleitung in solchen Prozessen eine zentrale Rolle. Es braucht Offenheit, eine gemeinsame Haltung und die Denkweise «Wir und unsere Schule» statt «Ich und meine Klasse». Die Lehrpersonen müssen sich mit der Schule identifizieren können und bereit sein, gemeinsam neue Wege zu gehen, sich auszutauschen und Synergien zu nutzen.
Das Mehrjahrgangsmodell kommt dem natürlichen Lernen der Schülerinnen und Schüler dabei besonders entgegen. Gleichzeitig erfordert diese Unterrichtsform ein hohes Mass an Differenzierung und eine flexible Gestaltung des Unterrichts, um der grossen Heterogenität innerhalb der Klassen gerecht zu werden.
Schule als Teil der Gesellschaft
Für Guido Frey steht fest: «Es ist kein Experiment. Das Modell ‹verhebt›!» Natürlich werde laufend weiterentwickelt und optimiert. Viele Ideen sind bereits im Kopf – im Depot – des Teams. So kann zukünftig etwa die klare Trennung zwischen textilem und technischem Gestalten aufgelöst werden, um den Schülerinnen und Schülern mehr Raum für Selbstwirksamkeit zu geben. Auch ausserhalb des Schulhauses möchte die Schule künftig stärker präsent sein. Projekttage könnten nicht nur im Klassenzimmer, sondern vermehrt auch im Dorf stattfinden, beispielsweise, indem Schülerinnen und Schüler etwas für die Gemeinde erarbeiten. Genau das entspricht auch der Vorstellung von Yvette Heimgartner. Für sie ist Schule ein Teil der Gesellschaft. Den Schülerinnen und Schülern soll vermittelt werden, dass sie die Gesellschaft aktiv mitgestalten können.
Ein Weg, kein Rezept
Ist dieses Modell ideal? Für die Schule Burgistein offenbar schon. Doch letztlich geht es nicht nur um das Modell selbst, sondern um das Verständnis von Lernen. Yvette Heimgartner beschreibt ihre Vorstellung von zeitgemässer Schule so: «Lernen soll Freude machen und als etwas Positives erlebt werden.» Sie betont ebenso, dass es kein standardisiertes Modell gibt, das sich auf jede Schule übertragen lässt. Jede Schule muss ihren eigenen Weg finden – aufbauend auf dem, was bereits vorhanden ist. Offenheit,Selbstreflexion und das frühe Einbeziehen aller Beteiligten sind dabei entscheidend. Genau diesen Weg ist die Schule Burgistein gegangen. Entsprechend positiv fällt das Feedback aus – sowohl vonseiten der Lehrpersonen als auch vonseiten der Eltern. Diese informierte die Schulleitung denn auch früh und band sie aktiv in den Prozess mit ein. Das Modell stiess auf grosse Zustimmung, und viele Eltern unterstützen tatkräftig sogar den bevorstehenden Umzug in die Klassenzimmer.
Wir kehren noch einmal zurück an diesen Donnerstag im August 2026 in Burgistein. Inzwischen ist es Nachmittag, und die Schülerinnen und Schüler machen sich auf den Heimweg. Einige tragen Farbflecken auf ihren Hosen, andere halten stolz ihre Eigenkreation in den Händen. Wieder andere erzählen ihren Freundinnen und Freunden begeistert von den Ateliers des Tages. Auch ich beobachte fasziniert, wie die Kinder nach Hause gehen – und denke mir: So schön kann Schule sein.
Synthèse : « Notre école et nous »
À partir de l’été 2026, l’école de Burgistein s’engagera dans une nouvelle voie. En collaboration avec la PHBern, elle a développé le « modèle Burgistein », qui mise sur l’apprentissage en groupes d’âges mixtes, les journées de projet et une plus grande participation des élèves aux décisions liées au quotidien scolaire. Ce changement s’explique par la différence de taille des volées, année après année, et par le souhait du corps enseignant d’avoir une forme d’enseignement plus ouverte et plus flexible. L’accent sera mis sur le travail relationnel, le soutien individuel et le plaisir d’apprendre.
Au cycle 2, les enfants seront désormais scolarisés dans deux classes d’âges mixtes de la 5H à la 8H. Les journées de projet hebdomadaires, pendant lesquelles les élèves travailleront de manière autonome et interdisciplinaire dans différents ateliers, occuperont une place particulièrement déterminante. L’objectif est de promouvoir l’efficacité personnelle, les compétences sociales et la participation. Dans un premier temps, les évaluations seront reléguées au second plan.
La collaboration au sein de l’équipe pédagogique gagnera en importance. L’ouverture et la flexibilité seront décisives, tout comme l’attitude « notre école et nous ». Pour les responsables du projet, il est clair qu’il neigte pas de modèle scolaire universel. Chaque école doit trouver sa propre voie. À Burgistein, il semble que cela soit le cas et que le changement soit très bien accueilli par les membres du corps enseignant et par les parents.
Laura Bannwart
Fotos: zvg
EDUCATION 2.26