Neue Lernräume und Unterrichtsformen, aufstrebende Berufsbilder und alternative Wege der Zusammenarbeit. Schule entwickelt sich laufend weiter. Zwischen Idee und gelebter Praxis stehen inspirierte Menschen, engagierte Schulleitungen und der Mut, anderes zu wagen. Ein Gespräch mit der Schulentwicklerin Karin Joachim über Ideen, die wachsen, Wirkung entfalten und Schule machen.

«Viele Schulen haben gute Ideen», stellt Karin Joachim, Dozentin für Organisationsentwicklung sowie Beraterin im Bereich Kader- und Systementwicklung an der PHBern, fest. «Aber umgesetzt werden deutlich weniger, als man gerne hätte.» Denn damit eine Idee sich entfaltet, benötigt man mehr als ein Konzept. Es braucht Offenheit, Überzeugung, Reflexion und die Bereitschaft, die gewohnte Praxis zu durchleuchten. Joachim beschreibt diesen Prozess mit dem Begriff des Entlernens. Was zunächst ungewohnt klingt, hat aber seinen Sinn: Entwicklung bedeute nämlich nicht nur, Neues hinzuzufügen. Es gehe auch darum, Gewohnheiten zu hinterfragen, Routinen zu verlassen und so die Möglichkeit zuzulassen, dass Unterricht auch anders gedacht werden könnte. Sich die Überlegung zu erlauben: Nehmen wir einmal an, es geht auch anders.

Karin Joachim (55)
ist seit 2016 Dozentin für Organisationsentwicklung und im Zentrum Schulführung und Schulentwicklung Beraterin an der PHBern. Sie ist Angebotsverantwortliche für das Portfolio Schulentwicklung und Innovation. Sie lebt in Steffisburg.
Wie Ideen tragen
Das ist anspruchsvoll – nicht zuletzt deshalb, weil Schulen anders funktionieren als viele andere Organisationen. Joachim spricht dabei von «lose gekoppelten Systemen»1. Unterricht entsteht nicht an einem einzigen Ort, sondern gleichzeitig in vielen Klassenzimmern, Gruppenräumen und bei Begegnungen. Lehrpersonen verfügen über hohe Autonomie, darin liegt eine grosse Stärke des Systems. Gleichzeitig macht diese dezentrale Struktur Veränderungen anspruchsvoll: Sie lassen sich nicht einfach verordnen und kontrollieren. Wer Entwicklung will, sollte deshalb mehr tun, als Strukturen zu verändern. Denn sie muss nachvollziehbar werden, geteilt und gemeinsam getragen werden.
Eine Idee muss anschlussfähig sein an die Menschen, die täglich Schule gestalten. Und an die Realität des Alltags. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb Tagesschulen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Sie seien längst mehr als ein ergänzendes Angebot, nämlich integraler Bestandteil unserer Bildungseinrichtungen, meint Joachim. Wo sie konsequent mitgedacht werden, entstehen neue Räume für Beziehung, Beteiligung und Lernen – und damit neue Möglichkeiten schulischer Entwicklung.
Bei Innovationsprozessen spielen denn auch die Schulleitungen eine entscheidende Rolle, sagt Joachim. Innovation greife dort, wo Schulleitungen nicht nur verwalten, sondern «wo sie als Fahnenträgerinnen vorausgehen, pädagogische Visionen tragen und Mitarbeitenden der Schule den Sinn der Innovation vermitteln und sie dazu anschlussfähig machen». Schulleitungen schaffen so Räume, in denen Unterricht sichtbar gemacht, Erfahrungen geteilt und unterschiedliche Perspektiven als Lernchance verstanden werden können. «Sie ermutigen ihre Mitarbeitenden zur Kreativität, schaffen Commitment und setzen Standards im Umgang miteinander – und leben diese selbst vor.»
Führung bedeutet in diesem Verständnis nicht, Antworten zu liefern. Sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen Entwicklung möglich wird, um «zum Beispiel die Behörden, aber auch die Eltern für die Schule zu gewinnen».
Woran Entwicklung wächst

Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt das Beispiel aus Konolfingen: Dort wurde mit dem «Kaleidoskop» ein Schulhaus realisiert, das aus einer pädagogischen Idee heraus entwickelt wurde. Ausgangspunkt war nicht die Architektur, sondern die Frage, wie Lernen künftig organisiert werden soll. Daraus entstand ein kreisförmiger Bau mit offenen Lernlandschaften, Clustern und Begegnungsorten – getragen von der Vorstellung, dass sich Schule räumlich und pädagogisch gemeinsam entwickeln darf. Vertiefende Einblicke dazu liefert der Beitrag von Tina Uhlmann auf den Seiten 18/19.
Einen anderen Weg beschritt die Schule Burgistein, die sich nicht mit der Architektur, sondern aus dem Inneren heraus verändert hat. Ausgehend von der Frage, wie Unterricht stärker von Beziehung, Selbstwirksamkeit und gemeinsamer Verantwortung geprägt werden kann, entwickelte die Schule gemeinsam mit der PHBern ein Modell mit Mehrjahrgangsklassen, Projekttagen und neuen Formen des Lernens – nicht als fertiges Konzept, sondern als kontinuierlichen Entwicklungsprozess. Genau darin sieht auch Karin Joachim einen entscheidenden Punkt: «Gute Praxis lässt sich nicht kopieren.» Beispiele können Orientierung geben – den Weg gehen muss jede Schule aber selbst. Werkzeuge allein reichen nicht. Entscheidend sind die Fähigkeit zur Reflexion und die Bereitschaft, das Eigene weiterzuentwickeln. Wie Burgistein diesen Weg gestaltet, zeigt der Beitrag von Laura Bannwart auf den Seiten 22/23.
Dass Entwicklung nicht nur Schulen betrifft, zeigt auch der Blick auf neue Berufsbilder. Im Beitrag von Stefanie Christ auf der Seite 25 wird deutlich, wie die Ausbildung zur Solarinstallateurin oder zum Solarinstallateur auf gesellschaftliche Veränderungen antwortet und neue Wege eröffnet. Bildung reagiert dabei nicht erst auf Wandel, sie gestaltet ihn auch mit. Schule bereitet junge Menschen deshalb nicht auf eine fertige Welt vor, sondern darauf, sich in einer Welt zu orientieren, die sich fortlaufend verändert.
Was am Ende zählt
Die abschliessenden Stimmen der Schülerinnen und Schüler, gesammelt von Salomé di Nuccio auf den Seiten 26/27, erinnern daran, worauf Entwicklung letztlich zielt: nicht auf das Neue an sich, sondern auf das Lernen. Nicht die Eleganz eines Konzepts, nicht die Anzahl der Projekte und nicht die Neuheit einer Idee entscheiden darüber, ob Entwicklung gelingt. Entscheidend ist, ob junge Menschen sich entfalten können, ob Schule als sinnvoll erlebt wird und ob aus guten Absichten tragfähige Praxis entsteht. Denn Ideen verändern Schule nicht von selbst – erst wenn sie im Alltag anschlussfähig und von den Menschen getragen werden, die Schule täglich gestalten, machen sie Schule. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Form von Innovation: Bestehendes so weiterzuentwickeln, dass neue Räume für Beziehung, Beteiligung und Lernen entstehen.
1 Lose gekoppelte Systeme bezeichnen in der Systemtheorie Architekturen, bei denen Komponenten nur minimal voneinander abhängig sind (Karl E. Weick: «Educational Organizations as Loosely Coupled Systems». In: «Administrative Science Quarterly» (1976), 21, 1–19).
Synthèse : Repenser l’École
Nouvelles formes d’apprentissage, nouveaux modes de collaboration, diversité des profils professionnels : l’école s’aligne en permanence sur les évolutions de la société. Mais les bonnes idées à elles seules ne suffisent pas. Spécialiste du développement de l’école, Karin Joachim explique que l’évolution naît de la remise en question des habitudes, de la réflexion sur la pratique et de la mise en application des innovations. Les écoles sont des « systèmes interconnectés par des liens flexibles » et ne peuvent pas changer du jour au lendemain : les innovations doivent s’adapter aux personnes et au quotidien. Pour ce faire, les directions d’école créent des espaces dans lesquels la prise de repères, la participation et l’apprentissage commun deviennent possibles. Les exemples de Konolfingen et de Burgistein le montrent : les bonnes pratiques ne peuvent pas être copiées, mais doivent être développées in situ. En fin de compte, ce n’est pas le caractère nouveau d’une idée qui détermine son succès, mais la réussite de l’apprentissage et l’épanouissement des jeunes dans un monde en constante mutation.
Christoph Schelhammer
Foto: Sam Bosshard
EDUCATION 2.26